das bemerkenswerte Buch
das bemerkenswerte Buch

 

 

 

Thanassis Petsalis-Diomidis

 

Die Glocke der Hagia Triada

 

Geschichte eines griechischen Dorfes von 1304-1885

Übersetzt aus dem Neugriechischen von Dieter Motzkus

 

17 x 22 cm, Ppb., 152 Seiten, 15.80 Euro

ISBN 978-3-938878-07-1

 

 

 

Bestellen Sie bitte über das Kontaktformular.

Über das Buch

 

Die Unterdrückung des griechischen Volkes anhand einer Erzählung von der fiktiven Geschichte eines griechischen Dorfes während der ottomanischen Besatzungszeit.

 

 

Über den Autor

 

Thanassis Petsalis-Diomidis (1904-1985), aus einer alten Athener Familie stammend, studierte in Athen und Paris Jura und bereiste anschließend fast zehn Jahre lang verschiedene europäische Länder. Schon als junger Mann schrieb er Romane, die zum Thema Atmosphäre und Entwicklung meist großbürgerlicher Familien über mehrere Generationen hinweg haben. Unter dem Eindruck der italienisch-deutschen Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg wandte er sich verstärkt Themen der griechischen Geschichte zu. In diesem Zusammenhang legte er 1942 die Erzählung "Die Glocke der Hagia Triada" vor, die nun erstmals auch in deutscher Sprache erscheint.

 

Petsalis-Diomidis erfuhr in Griechenland folgende Ehrungen: 1950 Ehrung durch die Akademie in Athen, 1956 und 1963 Staatspreis für Romanschriftsteller.

 

 

Leseprobe

 

Ungefähr in dieser Zeit kam Zoe zur Hagia Triada, der Kapelle auf dem Hügel, um eine Zuflucht zu finden. Zoe war eine Mutter aus Perachori, die die Angst, sie könnten ihr ihr Kind, den Jannakis, rauben, um den Verstand gebracht hatte und die sie hier auf den Hügel führte, um sich in der Einsamkeit zu verstecken.

Sie war eine schutzlose Witwe. Um Mitternacht lud sie sich einen Sack voller Sachen auf und kletterte den steilen Weg zur Hagia Triada hinauf. Jannakis folgte ihr auf den Fuß und klammerte sich mit seiner kleinen Hand an ihren Rock.

Die Mutter rennt wie von Sinnen.

„Los, Jannakis, bleibe nicht zurück und folge mir auf dem Fuß. Vorwärts.“

Es sah aus, als jage man sie. Außer Atem kommt sie an der Kapelle an. Es ist stockdunkle Nacht, und die Tür ist verschlossen. Sie bricht vor der Schwelle der Hagia Triada zusammen und kann nicht beten, so außer Atem ist sie.

Das Kind begann zu weinen. Aber hier pfeift der Wind. Er trocknet den Schweiß auf ihren Rippen. Er pfeift in den Büschen. Immer mehr Schatten waren zu sehen.

„Nein! Nein!“ schreit die Mutter und breitet ihre Arme aus.

Sie richtet ihren Körper auf und stürzt in ihrer Verwirrung gegen die Tür der Kapelle. Und da geschah das Wunder. Die Tür geht vor ihr weit auf, und Zoe, die Mutter, schleppt sich auf den Knien mit ihrem kleinen Kind bis zum Allerheiligsten, um ein Dankgebet zu sprechen.  

Sie befinden sich in Sicherheit und setzen sich dort fest. In einer Ecke der Vorhalle hat die Mutter ihr Lager aufgeschlagen. Sie hat sich langsam beruhigt. Sooft sie etwas brauchte, stieg sie ins Dorf hinunter, um ihren ganzen Besitz zu holen, einen armseligen Besitz: einen Topf, ein Kohlebecken, zwei, drei Hühner, eine Ziege.

Nachdem Jero-Konstandis, der Maurer, aus dem Dorf gekommen war und ihr einen Ofen gebaut hatte, ging sie nicht mehr ins Dorf hinunter. Oft steigt eine Patin von ihr auf den Hügel hinauf und versorgt sie mit ein wenig Weizen, ein wenig Mais und ein wenig Öl.

So lebte sie ungefähr zwölf Jahre. So wurde auch Jannakis, ihr Sohn, älter. So sehr hatte Zoe ihn mit der Milch der Einsamkeit aufgezogen, so sehr hatte er jahrelang die Luft der Einsamkeit eingesogen, daß er, als die Mutter ihn für Tage allein ließ, mit seinen einundzwanzig Jahren nicht in sein Dorf hinuntersteigen wollte.

Jannakis, der Sohn der Zoe, führte also dort ein hartes, asketisches Leben. Er schlief auf dem Boden auf dem trockenen Gras, ernährte sich nur von den Wildpflanzen, die ringsherum wuchsen, und von dem, was ihm einige mitleidige Dorfbewohner zum Essen brachten, die ihn verehrten, weil sie ihn für einen Heiligen hielten, auch wenn er noch klein war.

Tatsächlich war es so weit gekommen, daß er Tag und Nacht nur mit Gott redete, weil er es geschafft hatte, gerade so das Evangelium und die Apostelgeschichte zu lesen, einige Heiligenlegenden und Psalmen einigermaßen auswendig zu lernen, ohne richtig zu verstehen, was alles wirklich bedeutet, und niemals mit einem Lebenden dort oben in seiner asketischen Behausung sprach.

„Er wird ein Heiliger werden“, sagten die Dorfbewohner und verehrten ihn.

 

Eines Tages erzählte ihm jemand, der aus einer fremden Gegend vorbeikam, er habe in verschiedenen Kirchen gesehen, daß man jetzt, wo die Ungläubigen Christus alle Glocken weggenommen hätten, statt einer Glocke ein dickes Stück Holz mit einem anderen, kleineren oder auch ein Stück Eisen mit einem großen Nagel zum Läuten bringe.

„Man nennt sie ‚Simandren’“, erklärte ihm der Fremde. „Man kann sie nicht sehr weit hören, und deshalb erlaubt sie uns der Türke. Aber, und das ist ja auch gut so, sie rufen die Christen zur Liturgie. Ist das nicht gut, Vater Jannis?“

Als Jannakos wieder allein war, denkt er lange nach und kommt schließlich zu einem Entschluß.

„Ich werde ein Simandron für meine Kirche machen. Alle unten in Perachori, die es hören wollen, sollen es hören."

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Pandora Verlag Marianne Schneider