das bemerkenswerte Buch
das bemerkenswerte Buch

Elpis Melena

 

Erlebnisse und Beobachtungen

eines mehr als 20jährigen Aufenthaltes auf Kreta

 

Mit 14 Fototypien von Originalen von Joseph Winckler

 

Bearbeitete Neuausgabe des 1882 erstmals bei Schmorl & von Seefeld Nachf. In Hannover erschienenen Buches.

Herausgegeben und bearbeitet von Marianne Schneider.

 

17 x 22 cm, Ppb., 343 Seiten, 24.80 Euro

ISBN 3-938878-02-9

 

 

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Über das Buch

 

Melena war sicherlich die erste Frau, die Kreta allein bereiste und ihre Erfahrungen niederschrieb.

 

Ende des 19. Jahrhunderts, als die Insel im Aufruhr war und die Einheimischen sich langsam aber sicher aus dem Joch der Türkenherrschaft befreiten, sah sich die gebildete, humorvolle, lebenserfahrene und mutige Melena durch die Leiden der Einheimischen dazu veranlaßt, sich während des Aufstandes der Insurgenten anzunehmen.

Wißbegierig studierte sie Sitten und Gebräuche von Unterdrückern und Unterdrückten, sie widmete sich aktiv dem noch unbekannten Tierschutz und sorgte für ein Minimum an Bildung bei kretischen Kindern, denen der Schulbesuch durch die herrschende Obrigkeit versagt war.

Die heute berühmten Ausgrabungsstätten, wie z.B. die Paläste von Knossos oder Phästos, waren noch nicht entdeckt, und Straßen waren auch noch weitgehend unbekannt. So reiste Melena entweder mit dem Schiff von Ort zu Ort oder im Landesinneren auf dem Rücken von Pferd oder Muli. Eskortiert wurde die ‚Alleinreisende’ in der Regel von ihrer römischen Matrone, ihrem griechischen Boy, Ordnungsbeamten der türkischen Obrigkeit und Abgeordneten der einen oder anderen Botschaft.

 

Das Buch ist für den Kreta-Liebhaber das reine Lesevergnügen. Dank der Anmerkungen von Marianne Schneider ist der 120 Jahre alte Text der polyglotten Autorin auch heute leicht verständlich. 

 

 

 

 

Leseprobe

 

2. Erste Reise nach Kreta

 

Mein seliger Vater – der beste, aber auch strengste Mann, dessen ich mich erinnere, pflegte oftmals zu sagen, daß eine Frau in unumschränkter Freiheit mit einem entzügelten Rosse zu vergleichen sei. Ich fürchte den Vorwurf, welcher in diesem Vergleiche liegt, auf mich beziehen zu müssen, als ich Anfang Dezember 1865 auch durch die ungünstigsten Umstände mich nicht von meiner geplanten Reise nach Kreta abbringen ließ.

Die Cholera war ausgebrochen; Quarantänen wurden allenthalben eingesetzt, außerdem machten die durch die großen Überschwemmungen veranlaßten Verheerungen alles Reisen in Oberitalien unmöglich. Doch alea jacta erat [1] – und wer vermochte jemals seinem Kismet zu entgehen? Ich verzichtete freiwillig auf die unzähligen Vorteile und Genüsse, die mein Leben in der ewigen Stadt[2] mir bot, um in fernem, unbekanntem Süden ein neues Feld für meine literarische Tätigkeit zu erschließen.

So brach ich denn auf: meine Begleitung bestand aus meinem schneeweißen Windspiel und meiner römischen Matrone Angelina, die aber mehr einem beherzten Bravo[3] als „einem Engelchen“ − wie ihr Name besagt – glich.

Anstatt per Diligence[4] direkt von Rom nach Ancona fahren zu können, mußten wir, um die vorhandenen kleinen Eisenbahnstrecken zu benutzen, einen viertätigen Umweg über Civitavecchia, Livorno, Florenz und Bologna machen.

Ich will weder bei den Leiden dieser ungemütlichsten Reise, die wir bei heftigem Nordwinde und 3° R. Kälte[5] zurücklegen mußten, noch bei dem zweitätigen entsetzlichen Aufenthalte im unbeheizten Hotel in Ancona verweilen; es genüge, zu sagen, daß wir notgedrungen unsere Zuflucht in einem Café suchen mußten, um durch einen erwärmenden Trunk Leib und Seele zusammenzuhalten.

Die ersehnte Stunde des Einschiffens schlug am 14. Dezember; wir begaben uns um elf Uhr vormittags an Bord der „Imperatrice“, wo der Empfang indessen vieles zu wünschen übrig ließ. Niemand kam, uns die Billette abzunehmen, keine Kammerfrau erbot sich, unsere Kabinen zu zeigen, und die wenigen auf dem öden Verdeck umherlungernden Müßiggänger warfen uns Blicke zu, als seien wir unberechtigte Eindringlinge.

Auch das Wetter – jener wichtige Faktor bei Seereisen – verhieß uns nichts Erfreuliches. Der Himmel war mit dem Meere wie zu einer dunklen, bleiernen Masse verschmolzen, während die silberbefiederten Möwen als untrügliche Sturmverkünderinnen unstet umherkreisend die Luft mit ihren Klagetönen erfüllten.

Auf dem ersten Platz befand sich außer mir nur ein Herr aus Schweden; aber die römische Matrone erfreute sich in der zweiten Klasse der Gegenwart eines wohlbeleibten Paters und der erheiternden Gesellschaft einer Sängerin aus Mailand, die angeblich als Primadonna für die Oper in Korfu engagiert war.

Kaum hatte der Kapitän das Verdeck betreten, als er mich fragte, wohin ich reise, und bei der Kunde, die Insel Kreta sei mein Ziel, blieb er wie verdutzt stehen und sagte ernst: »Signora, in dieser Jahreszeit und bei den bestehenden Quarantänen ist es  m e h r  als verwegen, nach Kreta reisen zu wollen; vermittels welcher Schiffe meinen Sie hinzukommen? Wo finden Sie, was wir in unserer Seemannsprache „reine Schiffe“ nennen? Sie können wahrlich drei Monate unterwegs sein, und es bleibt Ihnen schließlich nicht anderes übrig, als mit uns nach Konstantinopel zu fahren.«

Nach dieser ebenso unerwarteten als niederschlagenden Mitteilung zog ich mich in meine Kajüte zurück, wo ich in peinlicher Schlaflosigkeit mir nur allzu sehr des völligen Ausbruches des Sturmes bewußt wurde. Und als die Meereswogen immer höher und höher stiegen, auf welchen ein dämonisch entfesselter Nord-Ostwind unsere „Imperatrice“ unbarmherzig hin und her schleuderte, wagte ich mich gegen Abend des folgenden Tages an den unbesetzten Mittagstisch, um etwas über unser Schicksal zu erfahren.

»Wir müssen vor allem sehen, was für eine Nacht wir unter den obwaltenden sehr ungünstigen Umständen passieren«, war die lakonische Antwort des Kapitäns. Mit seinen Offizieren wechselte er kein Wort, sondern befahl, die großen Schiffskarten auf dem Tische auszubreiten. Von meiner Kabine aus lauschte ich den Beratungen der Seeleute, bis die Pflicht sie aufs Verdeck rief. Bald erlosch mein Licht, alles krachte, rollte und zertrümmerte sich um mich her, aber in dieser pandämonischen Dunkelheit war an die Hilfe einer teilnehmenden Seele nicht zu denken; die Kammerfrau hatte sich am anderen Ende des Schiffes Trost gesucht, und der Angelina konnte ich’s nicht zumuten, über die unzähligen Hindernisse, die uns trennten, zu voltigieren[6]. So oft eine neunte Welle – die nach Ovids[7] Behauptung die unglückbringende ist – mit besonderer Vehemenz das Fahrzeug auf die Seite warf, sank und sank es wie zum letzten Male, so daß ich Gott dankte, als ich merkte, daß es nach einer Pause stöhnend aus der Meerestiefe sich zu erheben versuchte. Die leiseste Regung, sich aus dem Lager zu wagen, gefährdete sämtliche Glieder, und wozu? hörte ich doch deutlich, wie das Wasser hereinströmte; was war zu tun, als in Ergebung aufs äußerste gefaßt zu sein!

Die stundenlange, qualvolle Aufregung verursachte mir ein solches Fieber, daß ich mich förmlich nach dem Augenblick des Unterganges sehnte, der meinen versengten Lippen die momentane Labung der salzigen Flut bringen würde. Nie werde ich jene endlose, grauenvolle Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1865 vergessen, aber ebensowenig die Seligkeit, die ich empfand, als der Kapitän am folgenden Morgen mir mitzuteilen kam, daß die drohendste Gefahr vorüber sei, und daß, wenn das Schiff trotz der erlittenen bedenklichen Havarien noch standhalten würde, wir binnen 24 Stunden in Korfu sein könnten. Und so geschah es: beim Läuten der Mittagsglocken warfen wir die Anker im Hafen der schönen Kerkyra[8].

 

[1] alea jacta erat (lat.): der Würfel ist gefallen

[2] ewige Stadt: Rom

[3] Bravo: bravo (ital.): mutiger starker Mann, auch: gedungener Mordgeselle

[4] per Diligence: per Eilpostwagen, von diligenza (ital.):Postkutsche

[5]1Grad Reaumur entspricht 5/4 Grad Celsius. Hier also beinahe - 4 °C.

[6] voltigieren: wörtl.: Luft-, Kunstsprünge, Schwingübungen auf dem Pferd ausführen; hier: klettern, krabbeln 

[7] Ovid: Publius Ovidius Naso, röm. Dichter, 43 v.Chr.

[8] Kerkyra: der griechische Name für die Insel Korfu

 

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